Landtagswahl: Was die Parteien Familien versprechen – und was sie offenlassen

Die Antworten auf unsere Wahlprüfsteine zur Landtagswahl am 6. September 2026 im Überblick

Vor der Landtagswahl haben wir als Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände allen im Landtag vertretenen Parteien sechs Fragenblöcke vorgelegt: vom Leben im ländlichen Raum über Kita-Qualität, Schule und Schulsozialarbeit bis zur Finanzierung der Familienzentren und zur Bekämpfung von Familienarmut. Alle sechs Parteien haben geantwortet. Wir haben die Antworten für Sie ausgewertet – nicht als Wahlempfehlung, sondern als Orientierung: Wo sind sich die Parteien einig? Wo liegen die echten Unterschiede? Und welche unserer Fragen blieben unbeantwortet?

Wo sich alle einig sind

Die gute Nachricht zuerst: Kein einziges Papier stellt die Bedeutung von Familienzentren, wohnortnahen Kitas oder dem Leben auf dem Land infrage. Alle Parteien bekennen sich zum Erhalt kleiner Kita- und Schulstandorte und deuten die sinkenden Kinderzahlen – teils fast wortgleich – als „Chance“, die Betreuungsqualität zu verbessern, statt Standorte zu schließen.

Genau hier lohnt aber der zweite Blick. Ein Bekenntnis kostet nichts. Die entscheidende Frage ist, ob dem Ziel auch eine Finanzierungszusage folgt – und da trennen sich die Wege.

Familienzentren: Drei Zusagen, drei Ausflüchte

Unsere Kernfrage betraf die nicht auskömmliche Förderung der Familienzentren (derzeit 32.700 € für 0,7 Stellen). Konkret werden drei Parteien: Die SPD will die Finanzierung fortsetzen und an die Tarifentwicklung anpassen – die greifbarste Zusage. Die Linke fordert eine dynamisierte Förderung, die sich an realen Lohn- und Betriebskosten orientiert. Die Grünen wollen die Förderung ausbauen und um mobile Familienarbeit und digitale Angebote ergänzen.

Die drei anderen weichen aus – jeweils anders verpackt. Die CDU erklärt, eine „isolierte Betrachtung einzelner Fördersätze“ greife zu kurz: eine höfliche Absage an eine Erhöhung. Die FDP sieht das Problem nicht in der Summe, sondern in der „effizienten Nutzung vorhandener Mittel“. Die AfD formuliert im Konjunktiv: Wenn die Förderung „nachweislich nicht ausreicht“, müsse sie überprüft werden – obwohl unsere Frage die Unterfinanzierung bereits als Befund benannt hatte.

Kita-Personalschlüssel: Eine Zahl, fünf Ausweichmanöver

Wir hatten nach verbindlichen Zielwerten für den Fachkraft-Kind-Schlüssel bis 2030 gefragt. Nur eine Partei antwortet mit Zahlen: Die Linke nennt 1:3 für unter Dreijährige und 1:7,5 im Kindergartenbereich. Die CDU ist immerhin ehrlich in ihrer Absage: „Konkrete verbindliche Zielwerte […] werden wir nicht festlegen.“ SPD und Grüneverweisen auf die Demografiepauschale und das Programm „Kita STABIL“ (14,2 Mio. € für 2026, 38,1 Mio. € für 2027) – das sichert Personal bei sinkenden Kinderzahlen, definiert aber keinen Zielwert. Die Grünen wollen darüber hinaus den Mindestpersonalschlüssel anheben und geben mit dem Programm „HeimatKita“ ein Erreichbarkeitsversprechen: Die nächste Kindertagesbetreuung soll im eigenen Ort oder maximal 15 Minuten entfernt sein. Die FDP lehnt eine „starre Quote“ grundsätzlich ab und setzt auf Entlastung durch Zusatzpersonal. Die AfD will „spürbar verbessern“, finanziert über Bürokratieabbau und eine „Verschlankung der Ministerialbürokratie“ – ohne Zahl.

Schulsozialarbeit: Hier liegen Welten dazwischen

Die EU-Förderung läuft 2028 aus – was dann? Die Linke verspricht bis zu 1.200 landesfinanzierte Vollzeitstellen. Die Grünen fordern mindestens eine Stelle pro Schule, zu 80 % vom Land getragen. Die SPD bekennt sich klar zur dauerhaften Landesfinanzierung in freier Trägerschaft. Die CDU spricht von „gemeinsamer Verantwortung von Land und Kommunen“ und lässt damit offen, wer zahlt. Die FDP will Schulsozialarbeit in flexible Pro-Kopf-Schulbudgets überführen, über die Schulleitungen entscheiden – ob der bisherige Umfang gesichert bleibt, hinge dann von jeder einzelnen Schule ab.

Die AfD verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz: Schulsozialarbeit soll nur noch dort finanziert werden, wo ein „nachgewiesener Bedarf“ besteht, etwa an Brennpunktschulen – denn „Sozialarbeit ist keine Aufgabe der Schule“. Für Eltern heißt das im Klartext: An den meisten Schulen des Landes stünde die Schulsozialarbeit zur Disposition. Wer die Arbeit der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter vor Ort kennt, sollte diese Position bei der Wahlentscheidung kennen.

Mobilität: Vom Stundentakt bis zum Auto

Beim ländlichen Raum überbieten sich drei Parteien mit Taktversprechen: Die Grünen wollen eine mindestens stündliche Busanbindung aller Dörfer, notfalls per Rufbus und integriert ins Deutschlandticket. Die SPD verspricht die Verdopplung des Bus- und Bahnangebots, die Linke den Stundentakt „auch im tiefsten ländlichen Raum“ plus komplett kostenfreien ÖPNV für Schüler, Azubis und Freiwilligendienstleistende. Die FDP setzt einen anderen Maßstab – 30 Minuten bis zur nächsten größeren Stadt – und will den Führerschein für junge Leute bezahlbarer machen. Die AfD erklärt das Auto auf dem Land für „unverzichtbar“ und priorisiert Straßensanierung. Die CDU bleibt bei der „Sicherstellung verlässlicher Erreichbarkeit“ – ohne Takt, ohne Zahl, ohne Instrument.

Schule: Neue Fächer, neue Strukturen – oder zurück zur Tradition

Auch bei den Bildungsinhalten zeigen die Antworten konkrete Unterschiede. Die SPD verweist auf das neue Pflichtfach Wirtschaft ab dem Schuljahr 2027/28 in den Jahrgängen 7 und 8. Die FDP hat Wirtschaft bereits als Pflichtfach an Gymnasien durchgesetzt und will nun Schwerpunktklassen für Künstliche Intelligenz einführen. Die Grünen fordern ein verbindliches Fach „Informatik und Medienbildung“ – vom kritischen Umgang mit sozialen Medien bis zu Grundlagen des Programmierens. Die CDU will die Lehrpläne „entschlacken“, die Sekundar- und Gemeinschaftsschulen zur neuen Oberschule mit wöchentlichem Praxislerntag zusammenführen und alle Bildungszuständigkeiten in einem Ministerium bündeln. Die Linke will die Fachlichkeit beim Landesinstitut LISA belassen und betont eine werbefreie Verbraucherbildung – Schulen dürften „nicht zur Werbefläche für Banken und Versicherungen“ werden.

Die AfD stellt sich gegen diesen Modernisierungskonsens: „Bildung lebt nicht von Innovation, sondern von Tradition.“ Digitale Kompetenzen existierten nicht als eigenständige Fähigkeit, neue Kompetenzbegriffe täuschten über „Bildungsverfall“ hinweg. Zudem will die Partei die Inklusion beenden, Sonderklassen für Flüchtlingskinder einrichten und Schulen zu „politischer Neutralität“ verpflichten. Eltern sollten wissen: Hinter der Vokabel „Tradition“ steht hier ein Umbau des Schulsystems, der Kinder mit Behinderung und Kinder mit Fluchtgeschichte aus dem gemeinsamen Unterricht herausnehmen würde.

Familienarmut: Was konkret auf dem Tisch liegt

Jedes siebte Kind in Sachsen-Anhalt wächst in Armut auf – diese Zahl nennt die SPD selbst. Was folgt daraus? Die Linke legt das umfangreichste Entlastungspaket vor: Abschaffung der Elternbeiträge für Krippe, Kita und Hort, ein kostenfreies Mittagessen an allen Schulen, vom Land gestellte Schulbücher, Arbeitshefte und Tablets sowie ticketfreier ÖPNV für Kinder und Jugendliche. Dazu kommen mobile „Bürokratie-Lotsen“, die Familien auf dem Land bei Anträgen unterstützen. Die AfD verspricht ihrerseits kostenfreie Kita-Plätze ab dem ersten Kind, kostenfreies Schulessen und ein „Kinderwillkommensgeld“. Die Grünen setzen auf einen Landesaktionsplan mit Armutsberichterstattung, Lernmittelfreiheit und die Erweiterung des Kulturpasses – und flankieren das arbeitsmarktpolitisch über Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen. Die SPD setzt auf Erwerbsintegration der Eltern, etwa über das Programm MiKA („mit Kind in Arbeit, Ausbildung oder Abschluss“). Die CDU nennt ein Verwaltungsinstrument mit Alltagswert: Alle Familienleistungen sollen an einem Ort beantragt werden können, mit automatischer Prüfung der Berechtigung. Die FDP bleibt beim Grundsatz, Arbeit sei der beste Armutsschutz.

Unsere Nachfrage nach messbaren Zielen beantwortet allerdings kaum jemand belastbar. Am konkretesten wird die FDP (sinkende Quote von Jugendlichen ohne Schulabschluss, bessere Sprachstände bei Schuleintritt); Linke und Grüne zielen auf die Senkung der Kinderarmutsquote, ohne Zielmarke. Die CDU lehnt „einzelne Kennzahlen“ ausdrücklich ab.

Woran misst sich Familienpolitik? Ein Blick auf die Zielsysteme

An dieser Stelle lohnt ein genauerer Blick darauf, wofür die Parteien Familienpolitik eigentlich machen. Fünf Parteien messen Erfolg an den Lebensbedingungen der Familien, die heute hier leben: an Armutsquoten, Bildungschancen, Erwerbsbeteiligung, Erreichbarkeit von Angeboten.

Die AfD setzt einen anderen Maßstab: Sie will Erfolg vorrangig daran messen, „ob die Geburtenzahlen steigen“ und ob mehr Familien im Land bleiben – Familienpolitik als Instrument der Demografiepolitik. Das ist ein legitimes politisches Ziel, aber Eltern sollten wissen, was die Forschung dazu sagt: Finanzielle Geburtsanreize wie Willkommensgelder oder Familienkredite haben in keinem Land nachweislich zu dauerhaft steigenden Geburtenraten geführt – auch das oft zitierte ungarische Modell hat den Geburtenrückgang nicht umgekehrt. Was die Entscheidung für Kinder nachweislich erleichtert, sind verlässliche Betreuung, planbare Erwerbsperspektiven für beide Eltern und stabile soziale Infrastruktur – also genau die Alltagsbedingungen, nach denen wir in allen sechs Fragenblöcken gefragt haben. Wer Familienpolitik primär an der Geburtenrate misst, setzt den Maßstab dort an, wo Politik am wenigsten wirken kann – und riskiert, die konkreten Bedarfe der Familien aus dem Blick zu verlieren, die bereits hier leben.

Erziehung und Rollenbilder: Der weltanschauliche Bruch

Bei der Frage nach Gleichstellung in Kita und Schule verläuft die schärfste Linie der gesamten Befragung. SPDGrüne und Linke wollen Rollenbilder aktiv aufbrechen – durch geschlechtersensible Bildungsangebote, die Verstetigung des „Medienkoffers Geschlechtervielfalt“ oder Genderkompetenz-Fortbildungen für Lehrkräfte. FDP und AfD setzen auf „Wahlfreiheit“ der Familien ohne staatliche Vorgaben; die AfD spricht dabei von der Ablehnung „ideologischer Umerziehungsprojekte“ und betont, Erziehung sei „in erster Linie Aufgabe der Eltern“ und dürfe „nicht durch staatliche Strukturen ersetzt werden“. Die CDU positioniert sich dazwischen: Chancengleichheit ja, „ideologische Festlegung“ nein.

Hinter diesen Formulierungen stehen unterschiedliche Bilder davon, was Kitas und Familienbildung leisten sollen: Sind sie eigenständige Bildungsorte und Partner der Eltern – oder im Kern eine Notlösung, die Elternverantwortung möglichst wenig berühren soll? Diese Grundsatzfrage betrifft unsere Arbeit als Familienverbände unmittelbar, denn niedrigschwellige Angebote der Familienbildung leben davon, dass der Staat sie als eigenständigen Wert begreift und verlässlich finanziert.

Unser Fazit

Zwei unserer Fragen wurden von der Mehrheit der Parteien umgangen: die nach verbindlichen Kita-Zielwerten und die nach messbaren Zielen gegen Familienarmut. Das sollten Sie wissen, wenn Sie die Wahlprogramme lesen.

Und noch eine ehrliche Einordnung: Konkretheit allein ist kein Gütesiegel. Die Opposition kann leichter Zahlen versprechen als Regierungsparteien, die mit Haushaltsvorbehalt antworten. Entscheidend ist, ob eine Partei ihre Zusagen mit einem realistischen Finanzierungsweg verbindet – und wie sie über die Familien spricht, für die sie Politik machen will.

Die vollständigen Antworten aller sechs Parteien stellen wir Ihnen unten als PDF zum Download bereit. Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil – am 6. September zählt Ihre Stimme.

Magdalena Forchmann für die Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände Sachsen-Anhalt

Blog der CVJM-Familienarbeit

In unseren Blogbeiträgen beschäftigen wir uns mit verschiedenen Aspekten des Familienlebens. In loser Folge finden Sie hier Anregungen und Denkanstöße.

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